Eierdrama

14. Januar 2011 ·

Komplexe Themen durch lokalen Bezug verständlich zu machen gehört zur Kunst des Lokaljournalismus. Der Dioxin-Skandal ist aktuell sicher das große Thema in den Nachrichten und bewegt die Menschen, weil damit ihr Grundvertrauen in Lebensmittel erschüttert wird. Der lokale Bezug ist schnell hergestellt. Eier isst fast jeder und durch die weiten Transportwege, die bei Lebensmitteln üblich sind, ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch der Handel in der Region betroffen ist. Tatsächlich findet eine Verbraucherin in ihrem Vorratsschrank Eier, die scheinbar aus einer kontaminierten Charge stammen und wendet sich damit an die Augsburger Allgemeine, die das Thema aufgriff und sich dann genierte in die Tiefe zu gehen.

Das plötzliche Verschwinden der Chargennummer von der Liste dioxinbelasteter Eier des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ist durchaus ein Rätsel. Es wird aber vollständig ausgeblendet, dass die Transparenz der Lebensmittelüberwachung in allen Bereichen verbesserungswürdig ist. Da sind Unmengen an Daten, die niemand zu sehen bekommt. Dabei ist Lebensmittelsicherheit nur durch Transparenz glaubwürdig. Ein Teil des aktuellen Skandals besteht ja gerade darin, dass Untersuchungsergebnisse geheimgehalten wurden.

Wenn es um die Überwachung und Sicherheit von Lebensmitteln angeht, kommt man an der freiwilligen Qualitätssicherung durch die „QS Qualität und Sicherheit GmbH“ nicht vor vorbei. Doch welche Rolle spielt sie eigentlich? Aus diesem Artikel der Augsburger Allgemeinen ist nur zu erfahren, dass sie sich angeblich bewährt haben soll. Dabei wurde der mutmaßliche Verursacher des Futtermittelskandals im Oktober 2010 durch diese freiwillige Qualitätssicherung geprüft und dabei keine Unregelmäßigkeiten festgestellt1. Gleichwohl hat die Staatsanwaltschaft mittlerweile Erkenntnisse, dass dort mindestens seit März 2010 dioxinhaltige Fettsäuren zu Futterfetten verarbeitet wurden. Wie weit es da mit der Qualitätssicherung sein kann, mag jeder für sich selbst beantworten. Klar sollte dabei aber auch sein, dass die „QS Qualität und Sicherheit GmbH“ eine Initiative der Nahrungsindustrie ist, an dem keine Verbraucherschützer beteiligt sind. Die Kontrollen für das QS-Siegel gehen auch nicht über das hinaus, was gesetzlich festgeschrieben ist. Somit ergibt sich keinerlei Vorteil gegenüber den staatlichen Kontrollen, abgesehen davon natürlich, dass die offizielle Lebensmittelaufsicht entlastet wird. Die Lebensmittelsicherheit wird damit quasi privatisiert.

Nicht fehlen darf da das Lied des Bauernverbands, das die Landwirte als Opfer krimineller Machenschaften sieht. Zweifellos haben sie unter dem Rückgang der Nachfrage zu leiden, die in der Folge von Lebensmittelskandalen immer ergeben. Aber sind die Opfer nicht zunächst einmal die Verbraucher, die Lebensmittel vorgesetzt bekommen, die sie nicht wollen? Welche Rolle der Bauernverband als Agrarindustrielobby bei den Konzentrationsprozessen spielt, bleibt vollkommen unbeleuchtet. Gerade bei den Futtermitteln klingt das Opferlied reichlich schräg, denn es ist der Bauernverband, der keine Chance ungenutzt lässt, billige Futtermittel zu fordern, egal um welchen Preis. Auf den Höfen prangen dann Tafeln, die „Keine Gentechnik auf dem Acker“ versprechen, während gleichzeitig gentechnisch verändertes Soja als Futtermittel verwendet wird. Ob die Verbraucher das wollen oder nicht, ist dabei egal. Wichtig ist nur, dass das saubere Bild aufrechterhalten wird.
Dabei ist es keineswegs so, dass der Bauernverband der berufene Alleinvertreter der Landwirte ist. Das suggeriert zwar der Name und auch die Eigenwahrnehmung vieler Funktionäre mag dem entsprechen. Bei Agrarthemen immer ausgerechnet Funktionäre des Bauernverbands aus dem Hut zu zaubern spricht nicht unbedingt dafür, dass man damit auch die Sicht der Bauern dokumentiert. Da gibt es durchaus differenziertere Sichtweisen zu Ursachen und Wirkungen des Dioxinskandals.

Apropos Ursache und Wirkung. Es wird ein weiterer Käufer inkriminierter Eier zitiert, der sich u.a. darüber beschwert, dass in den Schwabmünchner Discounter keine Eier aus Bayern zu finden sind. Vielleicht sind manche Antworten ja so offensichtlich, dass man sie nicht mehr geben muss, evtl. will man es auch nicht. Aber gerade auf dem Lechfeld sollte man sich schon im Klaren sein, wie Discounter funktionieren. Warum würden hier riesige Auslieferungslager (ent-) stehen, wenn man die Waren auch beim Bauern um die Ecke holen könnte. Wer regionale Produkte will, sollte sie gefälligst auch kaufen, das ist in Schwabmünchen und Umgebung kein Problem. Wer ausgerechnet von den Discountern, die maßgeblich für den extremen Preisdruck bei Lebensmitteln verantwortlich sind, fordert sie müssten sich regional versorgen, verweigert sich vor allem der eigenen Verantwortung. Das ist ganz so als ginge man in den Schlachthof und beschwerte sich hinterher darüber, dass um einen herum Tiere getötet wurden.

1 Ein Zertifikat darüber war bis vor kurzem sogar noch auf der Internetseite von Harles und Jentzsch, die mittlerweile deaktiviert wurde, zu finden. Der Zertifizierungs-Audit fand demnach am 18.10.2010 statt und sollte zwei Jahre gültig sein.

Bild: bella_domanie

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5 Kommentare zu “Eierdrama”

  1. [...] Meine unmaßgebliche Meinung zum Schwabmünchner Eierdrama. [...]

  2. Menkinger sagt:

    Die meisten Verbraucher wollen doch gar nicht wissen was hinter den Nahrungsmitteln steckt. Das Dioxin ist doch auch nur auf die Tagsordnung gerückt, weil wir irgendwann mal davon gehört haben, dass es giftig sein könnte. Das gentechnische Sojafutter ist doch das beste Beispiel dafür. Angeblich ist die Mehrheit der Verbraucher gegen Gentechnik in Essen und trotzdem wird die Milch von Kühen, die damit gefüttert werden gekauft.

    • Der Unterschied, bei aller berechtigten Skepsis gegenüber Gentechnik, ist auch der, dass auf GVO in konventionellen Lebensmitteln nicht geprüft wird. Wünschenswert wäre es natürlich, dass sich mehr Menschen darum kümmern was sie essen und wie es produziert wird. Daraus ergäben sich dann sicher auch ganz andere Kaufentscheidungen. Aktuell ist das Wissen um die Lebensmittel vor allem von der Werbung der Konzerne geprägt, die alles Negative ausblendet.
      GLeichwohl hat der uninteressierte Konsument natürlich auch ein Recht auf Lebensmittel, die ihn nicht gefährenden und deren Produktion nicht gegen Gesetze verstösst.

  3. Sinn&Verstand sagt:

    Der Bundespresseminister rät: Kritische Berichterstattung irritiert Leser und vergrault Anzeigenkunden.

  4. [...] keine Eier aus Bayern verkaufen. Nachdem mir der Kragen ob so viel Naivität geplatzt war, habe ich mich dazu durchgerungen. Geschrieben von Michael Wenzl in Agrar um 18:31 | Kommentare (0) | Trackbacks (0) Tags für [...]

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