Netzschau I

Die wöchentliche Singold-Bote-Netzschau über selbst ernannte Wikibeobachter, den neuen Coup von Google, was Panzer mit Deeskalation zu tun haben und so einiges mehr.

Kommen und Gehen bei sozialen Netzwerken

Der Internetkonzern Google hat mit google+ seine Version eines sozialen Netzwerks veröffentlicht. Noch darf nur ein kleiner Personenkreis den Dienst benutzen. Diejenigen, die sich google+ schon angesehen haben, vergleichen es mit Facebook. Beim Online-Magazin t3n sieht man gar 10 Gründe warum google+ gegen Facebook gewinnen wird. Dabei ist es nicht so, dass Google den Erfolg gepachtet hat, zu den Diensten, die glorreich gescheitert sind zählt u.a. Wave, das schon als „Das Produktitivätswerkzeug“ gehandelt wurde, aber nie eine breite Benutzerbasis erreichen konnte. Auf der anderen Seite gilt auch auch für Facebook, dass sich das Rad im Netz schnell dreht und nicht uninteressanter ist als der Hype von gestern. Heute, anders als vor 7 Jahren, würde niemand mehr hinter Second Life die kommende Werbeplattform sehen. Damals war auch MySpace ein vermeintlicher Kandidat für Millionengewinne, zumindest hat der nicht eben unerfahrene Rupert Murdoch 2005 dafür 580 Mio. $ bezahlt, vergangene Woche hat er MySpace wieder verkauft, für gerade einmal 35 Mio. $.

Wikibeobachter und verschwundene Artikel

Auf FAZ.NET erschien am vergangenen Freitag ein Artikel über ein Projekt, das sich selbst „Wiki-Watch“ nennt und es sich zur Aufgabe gemacht hat die Artikel der Wikipedia zu bewerten. Betrieben wird Wiki-Watch von einer Arbeitsstelle Wiki-Watch im „Studien- und Forschungsschwerpunkt Medienrecht“ der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina. Innerhalb der Wikipedia wird das Projekt Wiki-Watch kritisch gesehen, da man dahinter gezielte Manipulationen von einzelner Einträge vermutet. Mit dem Sachverhalt beschäftigte sich der Artikel, der zwischenzeitlich wieder entfernt wurde. Doch das Netz vergisst nichts, der Text kursiert nach wie vor.

Die dunkle Seite der PR

Die Umweltaktivisten von Greenpeace haben die Kampagne „Vokswagen. Die dunkle Seite“ gestartet, mit der der Automobilkonzern zu umweltfreundlicheren Fahrzeugen bewegt werden soll. Zu der Kampagne gehören auch Videos, die sich an den Super-Bowl-Werbespot mit dem kleinen Darth Vader anlehnen. Nun wissen wir nicht wie bei VW die Kampagne ankommt. Begeistert wird man zwar nicht sein, bisher ist aber nichts davon zu hören, dass die Konzernlenker gegen die Aktion vorgehen. Gegenwind bekommt Greenpeace von anderer Seite, nämlich Lucasfilm Ltd. Die Schöpfer der Weltraumsaga um Papa und Sohn Skywalker haben das Greenpeace-Video bei youtube sperren lassen, als Begründung werden Urheberrechtsverletzungen angeführt. Im Blog netzpolitik.org wird das so interpretiert:
Die Idee des geistigen Eigentums entwickelt sich gerade zum größten Macht-, Wirtschafts- und Zensurinstrument der letzten 10 Jahre. Da ist für Meinungs- und Pressefreiheit kein Platz.
Interessant daran ist, dass es viele andere Parodien des VW-Spots gibt, gegen die Lucasfilm Ltd scheinbar nichts einzuwenden hat. Aber auch hier gilt, dass das Netz nichts vergisst. Andere Benutzer haben die Videos bereits wieder bei youtube hochgeladen.

Schlapper elektronischer Ausweis

Welt Online erklärt den neuen elektronischen Ausweis zum Totalausfall. Zu teuer, wenig unterstützt, Softwarepannen und mangelnder Dateschutz sind demnach die Hauptprobleme. Also eigentlich genau das was von vielen Experten bereits im Vorfeld befürchtet wurde. Hören wollte das allerdings niemand, es ging ja um ein prestigeträchtiges Staatsprojekt wie ehedem die Mauterfassung und die elektronische Gesundheitskarte.

Deeskalation mit Panzern

Bei Spiegel Online will man erfahren haben, dass der Bundessicherheitsrat keine Bedenken gegen die Lieferung von 200 Leopard Kampfpanzern vom Typ 2A7+ nach Saudi-Arabien hat. Der Staat ist eine absolutistische Monarchie, an seiner Spitze steht Abdullah ibn Abd al-Aziz als König und Premierminister in Personalunion. Im Frühjahr 2011 entsandte er Truppen nach Bahrain um die dortigen Unruhen mit militärischer Hilfe niederzuschlagen. Der Einsatz von Militär gegen das Volk ist die dunkle Seite des arabischen Frühlings und auch in Ägypten, wo sich das Volk durchsetzen konnte, waren Panzer auf den Straßen zu sehen, denen sich die Menschen auf dem Weg nach mehr Freiheit und Demokratie entgegenstellen mussten.
Wenn da demnächst Panzer aus deutscher Fertigung zu sehen sind, vorausgesetzt die Bilder werden nicht zensiert, mag das als wirtschaftlicher Erfolg der Rüstungsindustrie gelten, ein gutes Beispiel für verantwortungsvolles Handeln einer Industrienation geht es nicht durch. Dabei kann niemand so naiv sein zu glauben, dass nur böse Potentaten mit Panzern auf die Bevölkerung losgehen. Die angebliche Deeskalation mit Kampfpanzern wird auch von der Bundeswehr demonstriert, wie man diesem Video entnehmen kann.

Wenn einer versucht eine Auster zu öffnen

Die Journalistenvereinigung netzwerk recherche e.V. hat den Negativpreis „Verschlossene Auster“ an die vier Atomkonzerne RWE, EnBW, Vattenfall und EON verliehen. In der Begründung heißt es dazu:
Sie haben beschönigt, beeinflusst und verheimlicht. Sie haben einen massiven Lobbydruck ausgeübt, auch dann noch, als viele Bürger öffentlich protestierten
Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung hat dazu die Laudatio gehalten. Sie ist, bei aller berechtigten Kritik an den Unternehmen, insofern interessant, weil Prantl die Verantwortung der Medien verdrängt. Denn Lobbydruck und PR brauchen auch Multiplikatoren braucht. Dabei die Journalisten als emsige Streiter für die gute Sache darzustellen, die sich gegen das Geld der Konzerne nicht wehren können – er bemüht dazu einen Vergleich mit Kir Royal –  zielt zu kurz. So wie die PR ohne Multiplikatoren nicht auskommt, braucht auch Geld einen willigen Empfänger um Einfluss zu gewinnen.
Immerhin hat E.ON seinen Kommunikationschef Guido Knott geschickt, der den Preis zwar entgegen, aber nicht annahm. Seine Gegenrede klingt jetzt auch nicht so, als wenn sich die Kommunikationsstrategie der Konzerne demnächst ändern würde.
Videos von der Preisverleihung gibt es im Blog von Markus Kompa zu sehen.

Erfüllung mit dem Auto

Zum Schluss noch ein wenig PR. Allerdings aus den 1950er Jahren und damals nannte sich das Reklame. Geändert sich hat sich seitdem aber nicht viel, ohne Auto hat man keinen Erfolg, nur zielt heute die Werbung in Richtung großer Schlitten. Wie sähen die Städte wohl aus, wenn sich jeder mit so entzückenden Fahrzeugen wie der Isetta begnügen würde. (entdeckt in der Glaserei)