Sicherheit schätzen

Das Risiko bei einer Nuklearkatastrophe mit Cäsium kontaminiert zu werden, ist in Europa am größten.

“Absolute Sicherheit gibt es nicht” ist eine der Floskeln, die man dann zu hören bekommt, wenn ein Ereignis eintritt, mit dem man zwar rechnen konnte, es aber nicht wollte. Gerade wenn es um die Sicherheit technischer Systeme geht, spielt das Sicherheitsgefühl eine eher untergeordnete Rolle. Was als sicher gilt ist primär eine Rechenaufgabe. Das klingt im ersten Moment vertrauenserweckend, da aus dem Vorgang des Berechnens irrtümlicherweise auf Determinismus geschlossen wird. In der Praxis geht es aber darum Abwägungen zu treffen. Typischerweise mit der Fragestellung wie viel Aufwand für Sicherheitssysteme getrieben werden kann, dass gleichzeitig noch wirtschaftlich gebaut und betrieben werden kann. In der Planungsphase ist das mit, in der Regel logisch begründeten, Annahmen verbunden. Beispielsweise: Ein Kernkraftwerke, das über drei Notstromaggregate verfügt, kann zuverlässiger mit Strom versorgt werden, als eines, das nur eines davon hat. Aber was passiert, wenn bei einem Unfall alle drei versagen?

Praktisch betrachtet gibt es also einen Unterschied zwischen dem was vor einem Unfall als sicher gilt und was danach noch toleriert wird. Bestes Beispiel ist die Energiewende samt Atomausstieg, der von der Bundeskanzlerin Merkel damit begründet wurde, dass vor dem Hintergrund der Nuklearkatastrophe in Fukushima, eine Neubewertung der Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgt ist. Ein anderes Beispiel ist der sog. Auslegungsstörfall bei Kernkraftwerken. Noch bis in die 1970er Jahre wurde an der These festgehalten, dass nur alle 100.000 Jahre eine Kernschmelze eintreten würde. 1979 kam es dann zu einer Kernschmelze im KKW Three Mile Island, 1986 folgte Tschernobyl und 2011 Fukushima. Manchmal hat das Berechnen eben nicht einmal ansatzweise die Qualität einer Schätzung.

Auf Grundlage der tatsächlich eingetretenen schweren Störfälle, haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in einer Studie untersucht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein nuklearer Gau eintritt. Sie gehen davon aus, dass alle 10 bis 20 Jahre ein solcher Störfall eintritt. Dahinter steckt eine relativ einfache Rechnung: Die vier schwersten Störfälle (1 Reaktor in Tschernobyl + 3 Reaktoren in Fukushima) werden auf die Laufzeit aller ziviler Reaktoren hochgerechnet. Das wirkt vielleicht wie eine Milchmädchenrechnung, weil Fukushima auch als ein Großereignis betrachtet werden könnte, mathematisch ist das Vorgehen aber korrekt.
Interessanter als die Eintrittswahrscheinlichkeit, die übrigens 200mal höher ist, als bisher geschätzt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit mit radioaktivem Cäsium kontaminiert zu werden. Dazu haben die Wissenschaftler die Ausbreitung mit einem Atmosphärenmodell untersucht. Nur 8% gehen innerhalb von 50 km um das havarierte Kernkraftwerk herum nieder. 50% liegen innerhalb eines Radius von 1000 km und 25% kommen sogar über 2000 km weit. Das bedeutet, dass vor allem in West-Europa die potenzielle Gefahr einer Kontamination am höchsten ist, da dort die Reaktordichte vergleichsweise hoch ist.

Kritik an der Studie ist schon laut geworden. Was vor allem bemängelt wird, ist die getrennte Einstufung der Störfälle in Fukushima und das Fehlen einer Bewertung des Reaktoralters. Daraus darf aber nicht abgeleitet werden, dass die gesamte Studie Unsinn ist, sie ist Teil eines wissenschaftlichen Diskures, in dem jetzt mit anderen Rechenmodellen alternative Thesen aufgestellt werden. Denn das eigentliche Problem ist das Fehlen an öffentlichen Informationen zur Risikobewertung von Kernkraftwerken. Wenn es positivere Nachrichten gibt, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, die entsprechenden Studien zu veröffentlichen.

Die vollständige Studie des MPI gibt es als PDF-Dokument zum Herunterladen.

Grafik: Daniel Kunkel, Max-Planck-Institut für Chemie