Der Journalismus und die Crowd

Screenshot krautreporterd.eFür die Krise, in der der Journalismus steckt, gibt es viele Erklärungsversuche. Einer ist das leidige Geld, das an vielen Ecken fehlt, ein anderer die fehlende Innovation oder, einem Rundumschlag gleichkommend, wird der klassische Journalismus per se zum Auslaufmodell erklärt. Für sich genommen ist keine der Erklärungen richtig, aber deswegen auch nicht falsch. Ohne Geld geht nix, ohne Erneuerung mithin Anpassung, verliert man sich in der Vergangenheit und wenn sich die Medienhäuser weiter selbst zerlegen, wird von der sog. vierten Gewalt bald wirklich nicht mehr viel übrig sein.

An Ideen fehlt es nicht

Auf der anderen Seite gibt es Ideen genug, die Frage ist nur wie die zu ihrem Geld kommen, damit sie gedeihen können. Die Rolle der Geldgeber übernehmen in den klassischen Medien die Verlage. Sie schaffen das Umfeld und sorgen für die nötige Finanzausstattung, damit Journalisten ihrer Arbeit nachgehen können. Wenn man so will, gehen sie in Vorleistung, damit die Autoren in Recherchieren und Geschichten erzählen können. So weit die Legende. Um zu ahnen, wie es heute in den Redaktionen aussieht, reicht in Blick in die Tageszeitungen. Recherche fällt dem Zeitmangel zum Opfer, Themenschwerpunkt richten sich am Anzeigenmarkt aus, leere Spalten werden mit Pressemitteilungen gefüllt. Der Blick dahinter offenbart ausgedünnte Redaktionen, Honorare an der „Grenze zur Körperverletzung“. Damit lockt man keine Leser hinter dem Ofen hervor und das wirkt sich entsprechend auf die Abonnentenzahlen aus, die sich seit 10 Jahren im Sinkflug befinden.

Wer übernimmt die Rolle der Verlage?

Wenn die Verlage also ausfallen, wie lässt sich dann Journalismus finanzieren? Eine Möglichkeit ist es dafür Beiträge von den Bürger zu erheben, wie es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Fall ist. Das Modell auf den Print zu übertragen scheitert spätestens am Veto der etablierten Verlage, die sich um das letzte Kuchenstück nicht auch noch mit einer „Staatszeitung“ streiten wollen. Stiftungsfinanzierter Journalismus, wie er etwa in den USA schon praktiziert wird, ist eine weitere Möglichkeit, die Rolle der Verlage neu zu besetzen. Schließlich können Journalisten auch die Verleger an den sprichwörtlichen Nagel hängen und sich selbst um die Vermarktung ihrer Werke kümmern. mit den Blogs ist das ja kein Problem, heißt es immer.
In der Theorie ist das richtig. Praktisch sieht das deutlich komplizierter aus. Nicht ohne Grund gibt es in den klassischen Medienhäusern Redaktionen und Anzeigenabteilungen. Beides vereint kann zwar gehen, in seltensten Fällen aber wirklich gut. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Erträge mit Online-Werbung üblicherweise nach den Besucherzahlen richtet und da – Nischenthema oder nicht – braucht es einfach Zeit, bis die so weit angewachsen sind, dass die Arbeit auch wirklich entlohnt wird.

Das Geld des Schwarms

Dabei spielt auch ein anderer Aspekt eine Rolle, die Arbeitsweise. Wenn man einer Geschichte dran ist, eine Idee ausbrütet oder sich in die Recherche stürzt, will man das eigentlich mit seiner vollen Aufmerksamkeit tun. Dazu passt es nicht, wenn man jeden Tag sorgenvoll auf die Zugriffszahlen seines Blogs kuckt und dann ausrechnet wie weit das Konto diesem Monat ins Minus rutscht. Ideal wäre ein Vorschuss, mit dem man sich sorgenfrei an die Arbeit macht. Wie das gehen kann, zeigen Crowdfunding-Plattformen wie startnext oder kickstarter. Dort finden sich vor allem Produktideen, für deren Umsetzung Geld eingeworben wird. Potenzielle Interessenten, z.B. für eine besondere iPhone-Hülle, können dafür einfach Geld spenden oder eine Art Vorbestellung tätigen und so viel Geld zahlen, wie das spätere Produkt kosten wird. Je nach Höhe des Betrags gibt es eine Gegenleistung, eben die Lieferung des Produkts, eine Danke-Schöne-Postkarte, ein Werkstattbesuch oder was auch immer sich der Initiator ausdenkt.
Das funktioniert für technische Gimmicks, Musik und auch Medienprojekte, wie etwa „stoersender.tv mit Dieter Hildebrandt“.

Journalismus-Crowdfunding

Mit Krautreporter, das seit heute online ist, gibt es im deutschsprachigen Bereich erstmals eine spezielle Journalismus-Crowdfunding-Plattform. Sie richtet sich an Printreporter, Fotografen, Dokumentarfilmer, Podcastern und was sich sonst so alles im journalistischen Gebiet bewegt.
Das Prinzip dabei ist, dass viele kleine Beträge am Ende einen großen ergeben, mit dem ein Projekt finanziert werden kann. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass das Thema auf Interesse stößt und entsprechend präsentiert wird. Auch wenn mit dieser Form der Finanzierung die Vermarktung von Anzeigenplätzen vermieden wird, an der Selbstvermarktung führt auch damit kein Weg vorbei. Aber zumindest bei Freiberuflern, dürfte das nichts Neues sein. Ohne Expose bekamen auch in der Vergangenheit nur die wenigsten Freien lukrativen Aufträge. Der Vorteil jetzt ist, dass man nicht mehr von der Beurteilung Einzelner abhängig ist. In den Weiten des Internets ist viel Platz im und jenseits des Mainstreams.
Für den Erfolg von Krautreporter besser gesagt, den Projekten, die damit finanziert werden wollen, braucht es neben selbstvermarktungsaffinen Journalisten aber auch ein Netzwerk journalismusaffiner Unterstützer, die Projekte nicht nur finanzieren, sondern auch bewerben, um weitere Unterstützer zu gewinnen. Auch wenn das Zitat nicht unbedingt darauf gemünzt war, passt es auch für den Teilaspekt der Schwarmfinanzierung.

Es ist ganz einfach: Krautreporter ist eine tolle neue Möglichkeit, Journalismus zu finanzieren. Wir haben genug über die Zukunft geredet – an die Arbeit.

Wie Krautreporter funktioniert, wird in diesem Video erklärt

Link zum Video

Aktuell präsentieren sich auf Krautreporter sechs Projekte. Darunter das hyperlokale BlogWeiterstadtnet“ (Projektseite), der interaktive Onlineatlas „Verbrannte Orte“ (Projektseite) oder „Kopf oder Zahl“, ein datenjournalistisches Projekt zur wirtschaftlichen Situation von jungen Erwachsenen in Europa.

Zum Weiterlesen:
“Eine Crowd um sich versammeln” – Interview mit Sebastian Esser zum Start der Plattform Krautreporter
Neue Crowdfunding-Plattform: „Wir wollen Journalismus ermöglichen
„Journalismus ist ein Beruf mit Zukunft“
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